SPIEGEL Nr. 46 am 11.11.2017: Titelartikel
Immobilien, Flugzeuge und Schweinefleisch
Im neuen Frankfurter Europaviertel, hinter der Messe und dem Hauptbahnhof gelegen, herrscht Baustellenatmosphäre. Noch ragen hier mehr Kräne als Bäume und bezugsfertige Häuser in den Himmel. Es sieht ein bisschen aus wie in China.
Deutsche Großstädter sind skeptisch, wenn es um Neubaugebiete geht. “Chinesen hingegen sehen hier moderne Wohnungen, gute Infrastruktur und die zentrale Lage”, sagt Lin Dattner, 48. Die Menschen in China sind daran gewöhnt, dass aus Baustellen schnell Häuser werden.
Lin Dattner ist in China geboren und lebt seit mehr als 25 Jahren in Deutschland. 2008 hat sie ein Maklerbüro gegründet, Anjia Immobilien & Consulting. Die Firma ist auf Chinesen spezialisiert, die in Frankfurt am Main oder im Taunus Immobilien erwerben wollen. Ein Drittel von Dattners Kunden braucht eine eigene Bleibe, die meisten aber suchen eine Kapitalanlage.
Mehr als 25 Milliarden Dollar haben Chinesen 2016 für Immobilien im Ausland ausgegeben. In Europa ging der größte Anteil bislang nach London, heute verteilt sich das Geld chinesischer Investoren auch auf andere “Gateway Cities” wie Frankfurt. Chinas Wirtschaftsaufschwung hat enorme Vermögen aufgetürmt. Das gilt ebenso für den Staat, der mit gut drei Billionen Dollar den größten Devisenschatz der Welt besitzt.
Es gilt aber auch für viele chinesische Unternehmen, die ihren Reichtum nutzen, um weltweit Firmen aufzukaufen. Laut einer Studie des Mercator Instituts für Chinastudien (Merics) sind Chinas Auslandsinvestitionen 2016 auf 189 Milliarden Dollar angestiegen, das sind 40 Prozent mehr als im Vorjahr, in der EU sogar 77 Prozent.
Und China kauft strategisch ein: Der staatliche Chemieriese ChemChina hat den Schweizer Agrarkonzern Syngenta erworben (38 Milliarden Euro), die Midea-Gruppe den deutschen Roboterhersteller Kuka (4,6 Milliarden Euro), der Elektrokonzern Haier die Haushaltsgerätesparte von General Electric (5 Milliarden Euro).
Wer genau bei solchen Deals investiert, Privatunternehmen oder der Staat, ist im Geflecht von Chinas Planwirtschaft oft schwer zu sagen. Und obwohl Peking zuletzt einige Investitionen stoppte, scheinen die Mittel nach wie vor unerschöpflich.
Mit ihrer hohen Sparquote von 48 Prozent (Deutschland: 27) haben es die Chinesen auch zu großem Privatvermögen gebracht. China zählt heute nach den USA die meisten Milliardäre der Welt – und die meisten Selfmade-Milliardärinnen: Laut dem Magazin “Hurun Report” belegen Chinesinnen auf der Liste der zehn reichsten Frauen, die ihr Oligarchenvermögen selbst erarbeitet haben, sechs Plätze.
Insgesamt 22,5 Billionen Euro (Deutschland: 5,8 Billionen, siehe Grafik Seite 16) haben Chinas Haushalte laut einer Studie der Allianz angespart.
Ihre wahre Kraft entfaltet die chinesische Wirtschaft in China selbst. Die Chinesen kaufen die meisten Roboter der Welt, die meisten Luxusartikel, das meiste Schweinefleisch, das meiste Milchpulver. Sein riesiger Bedarf an Importgütern hat somit Abhängigkeiten geschaffen, die alarmierend sind, gerade für Exportländer wie Deutschland.
Zwischen 2015 und 2034 dürfte China Prognosen zufolge 6300 Passagierflugzeuge kaufen, das sind sechs Jets pro Woche, ein Großteil der Gesamtproduktion von Airbus und Boeing. Der deutsche Autokonzern Volkswagen verkaufte mehr als ein Drittel seiner Autos und erzielte geschätzt fast die Hälfte seines Gewinns in China. Hätte Peking nicht vor Jahren entschieden, grundsätzlich keine Pkw mit Dieselantrieb zuzulassen – VW hätte den Abgasskandal wahrscheinlich nicht überstanden.
Der chinesische Konsument ist nicht nur ein Profiteur der Globalisierung, sondern auch eine ihrer wichtigsten Ressourcen. Gut 7000 Euro kostet ein Hochhausquadratmeter in Frankfurt am Main durchschnittlich, bei Luxusimmobilien können es bis zu 19.000 sein. Eine Durchschnittswohnung zwischen dem dritten und vierten Ring in Peking liegt umgerechnet bei 8000 Euro pro Quadratmeter. Zu den Investoren zählen nicht nur Privatanleger. Der chinesische Staatsfonds CIC hat deutschlandweit 16.000 Wohnungen übernommen.
Lin Dattner warnt ihre Kunden dabei immer wieder vor zu hohen Renditeerwartungen. “Man kann den deutschen Markt mit China nicht vergleichen”, sagt sie. “Deutschland ist ein entwickeltes Land, da sind solche Spekulationsblasen nicht möglich.” Dafür bekomme man hier eine garantiert solide Bausubstanz auf einem stabilen Markt mit transparenter Gesetzeslage.
Quelle: https://www.spiegel.de/spiegel/warum-china-die-weltmacht-nr-1-ist-a-1177858.html